"Man ist behindert, nicht bekloppt."

Studenten untersuchen Barrierefreiheit der Innenstadt
Mit Signets sollen die Bottroper Geschäfte künftig um Kunden mit Behinderungen werben. Diese Idee haben jetzt Studenten der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Gelsenkirchen vorgestellt. Sie nahmen 56 Geschäfte in der Bottroper Innenstadt und in Kirchhellen unter die Lupe. Abhängig vom Grad der Barrierefreiheit sollen jeweils Signets für Gehbehinderte und Sehbehinderte vergeben werden.

Kriterien für Barrierefreiheit sind beispielsweise stufenlose Zugänge, breite Türen und ausreichende Bewegungsflächen in den Gängen. Sehbehinderte Menschen sind vor allem auf Markierungen von Stufen und Glastüren, Leitsysteme mit Sprachansagen und Brailleschrift sowie dem Mitführen von Blindenhunden angewiesen. Um die verschiedenen Ladengeschäfte in Bottrop zu bewerten, haben sich die Studenten in die Situation behinderter Menschen hineinversetzt. Mit blickdichter Brille und Taststock haben sie versucht, sich in der Innenstadt zu orientieren. Ebenso haben sie im Rollstuhl sitzend erlebt, wie schwierig es oft für gehbehinderte Menschen ist, überhaupt in die Ladengeschäfte zu kommen. Als positives Beispiel hoben die Studenten einen Drogeriemarkt hervor. Dort sind an den Einkaufwagen Lupen angebracht, mit deren Hilfe die Verpackungsaufdrucke besser gelesen werden können.

In Interviews haben die Studenten Betroffene befragt. Herausgekommen ist dabei, dass die Gesamtsituation als befriedigend eingeschätzt wird. Besonders positiv wurde in den Gesprächen der umgebaute Berliner Platz hervorgehoben. Für die Zukunft erwarten die Gesprächsteilnehmer viele kleine Verbesserungen. Oft vermissen die Betroffenen allerdings das Verständnis für ihre Behinderungen. "Man ist behindert, nicht bekloppt", erklärt der Mitautor der Studie Markus Müller das Fazit vieler Aussagen. Die Konsequenz ist, dass die Behinderten nur noch in den Läden einkaufen, in denen man sie kennt und auf ihre Bedürfnisse eingegangen wird.

So ist denn auch Ziel der Studie, auf das Marktpotenzial behinderter Menschen hinzuweisen. Behindert seien schließlich nicht nur Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, sagt Mitautorin Martina Meyer. Auch Menschen mit Rollatoren und temporären Behinderungen, wie einem gebrochenen Bein, sind auf Hilfen angewiesen. "Wir dürfen Behinderungen nicht als persönliches Anliegen sehen, sondern müssen den Umgang damit als gesellschaftliche Aufgabe betrachten", sagt Martina Meyer. Die Studenten sehen das gesamte Umfeld in der Pflicht, sich auf die Bedürfnisse der Behinderten einzustellen.

Die Ergebnisse ihrer Projektarbeit haben die Studenten jetzt öffentlich vorgestellt. Die Mitglieder des Rats und des Behindertenbeirats, Ferdinand Butenweg (CDU) und Jutta Pfingsten (SPD), erklärten, dass die Ausarbeitung in den politischen Gremien beraten werden solle. Insbesondere die Idee, Ladengeschäfte entsprechend ihrer Barrierefreiheit auszuzeichnen und so bei den Einzelhändlern für die Anliegen behinderter Menschen zu werben, stößt bei den Kommunalpolitikern auf Zustimmung.

Die Autoren der Projektarbeit sind Beamte bei der Stadtverwaltung Bottrop. Neben ihrem Beruf studieren sie an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Gelsenkirchen. Die dreijährige Ausbildung qualifiziert sie für die gehobene Beamtenlaufbahn. Die Studenten Sascha Borowiak, Isabell Mergen, Martina Meyer, Daniel Misz, Markus Müller und Philipp Wachtarz werden die Ausbildung im September abschließen.
Gruppenbild

Während ihres berufsbegleitenden Studiums haben junge Beamte der Stadtverwaltung eine Projektarbeit zur Barrierefreiheit in Bottrop geschrieben.

(22.01.2010)